02_astrid_meyer_bildungscampus_moosburgWir alle wissen es, wir müssen nur den Blick heben und uns anschauen, wo wir gerade arbeiten. Die Umgebung, in der man lebt, arbeitet und nachdenkt, sie wirkt nachhaltig auf uns. Das Ambiente bestimmt stets mit, wie gut wir lernen oder arbeiten können.

 

 

In Moosburg, einer Kärntner Marktgemeinde unweit von Klagenfurt, haben der Architekt Rolland Gruber und sein Büro “nonconform”, 2009 begonnen, den Kindergarten zu erweitern. Inmitten des verbauten Areals wurde ein Neubau aus Holz errichtet. Mit lokalen Handwerksbetrieben, wie der Zimmerei, wurden lokale Gruppenräume, möglichst neutral mit möglichst großen Fenstern ausgestattet, damit die Kinder auch einen Bezug zur Natur bekommen.

Der Moosburger Kindergartenausbau erhielt 2011 den Kärntner Holzbaupreis.  Ein nachhaltiges Bauprojekt, das in der 4500 Einwohner zählenden Gemeinde noch viele Steine ins Rollen gebracht hat.
Im Jahre 2008 waren nur 85 Kinderbetreuungsplätze vorhanden, durch die Erweiterungen stehen mittlerweile mehr als 250 zur Verfügung. Die steigende Nachfrage war auch der Anstoß, über einen neuen Bildungscampus nachzudenken, erzählt Roland Gruber.

Architekt Roland Gruber


Ähnlich wie andere Gemeinden weist Moosburg eine typische Mischung an Bildungseinrichtungen auf. Kindertagesstätten, Kindergarten, Volksschule, neue Mittelschule, Musikschule, Hort und ein SoS Kinderdorf. Alle in unmittelbarer Nähe zueinander, aber zu unterschiedlichen Zeiten erbaut und von verschiedenen Trägern geführt.

 

Alle haben sie aber Ihre 7 Zwetchken abgegrenzt, durch Zäune, schon seit Jahrzehnten. Bei einem Schulwechsel ergibt sich dadurch, dass die Kinder dasselbe Areal von unterschiedlichen Seiten betreten müssen. Dadurch ist kein Austausch unter den unterschiedlichen Schulen vorhanden. Der Zaun wird jetzt abgerissen, dann kommen Sitzstufen hin und dadurch entsteht eine kleine Arena, wo sich alle treffen können”.

Laut Roland Gruber sollen dadurch auch die Zäune im Kopf abgebaut werden. Der Bildungscampus soll nun jene Welten vereinen, die sowohl physisch wie auch pädagogisch getrennt waren. Ein Vorhaben, das die kleine Gemeinde mit einer großen Vision verknüpft.

Moosburg will bis zum Jahre 2020 “die” Bildungsgemeinde Österreichs werden.

Bürgermeister Herbert Gaggl ist der Impulsgeber für das Projekt: ”Mein Leitsatz ist eigentlich: Für die Bildung oder für die Ausbildung eines Kindes bedarf es eines ganzen Ortes.”Bürgermeister Herbert Gaggl

Zusammen mit dem Gemeinderat wurde im Jahre 2012 eine gemeinsame Vision festgelegt, die auch politisch einstimmig beschlossen wurde.

Seit drei Jahren erfolgt ein “Denken in Prozessen” mit einem interdisziplinären Visionsteam. Zusammengestellt durch: Burgermeister, Architekt, Vertreter der Gemeinde, Eltern, Kindergarten und Schulleiterinnen sowie einer Projektmanagerin..

Teilweise entstehen ganz neue innere Haltungen. Dadurch, dass sich so unterschiedliche Sparten miteinander so vernetzen konnten in den letzten drei Jahren, ist da wirklich was ganz Neues entstanden. Nämlich Verständnis und auch ein gemeinsames Wollen.” Freut sich Liane Oswald, die als Campuskoordinatorin die Projektfäden zieht.

liane-oswald-CampuskoordinatorinKinder vom Kindergarten arbeiten mit Kindern aus der Volksschule jetzt schon zusammen. Sie dürfen in die Schule auf Besuch gehen, dürfen dort Schulstunden mitbesuchen, genauso ist es umgekehrt, die Volksschulkinder kommen in den Kindergarten, und genauso gehen wir auch in die neue Mittelschule, um Kontakt mit diesen Kindern zu haben. Und genau dieser Kontakt ist ganz, ganz wichtig, um einfach Grenzen zu vernichten, sozusagen”. “Wir wollen das wirklich offen haben und wollen, dass alle Kinder, die am Campus sind, auch die Pädagoginnen, einfach eine große Familie sind”. Sagt Doris Sagmeister, Leiterin des Kindergartens und Hortes am Bildungskampus Moosburg.

Die Moosburger hegen viele Ideen, um Begeisterung für die Jugend, die Bildung zu wecken. In den nächsten Bauabschnitten geht es dann an die räumliche Veränderung des Innenlebens der Schulen, erklärt Architekt Roland Gruber: “ Die Veränderung bedeutet, Wände aus den Schulklassen raus und Cluster bilden, mehr “Open Space”, also Aufbrechen dieser 1950 – 1960er Jahre kasernenähnlichen Ganggebäude”.

Auch ein neues Herzstück soll der Campus erhalten. Geplant ist eine Art multifunktionale Mensa, die einen Bauernladen beherbergt, und der Bevölkerung als Kultur- und Veranstaltungszentrum offen steht. Ein Audimax für Moosburg sozusagen.

Für die Planung des neuen Bildungscampus wurden der Schulwart, das Reinigungspersonal und Köchinnen ebenso einbezogen wie wirtschaftstreibende Bauern und alle interessierten Bewohner des Ortes.

Sehr zum Vorteil der Projektentwicklung berichtet Bürgermeister Herbert Gaggl: “Wir haben innerhalb von drei Tagen sozusagen ein Zelt aufgeschlagen in unserer neuen Mittelschule in der Bibliothek, und dort hat jeder Bürger hinkommen können bis 20,00h, und hat Ideen einbringen können, über das Campus. Über tausend Ideen sind gekommen und sie können mir glauben am Ende dieser drei Tage war das wesentlich besser, als wie wir am Anfang jemals gedacht haben, wie das ausschauen könnte”. “Und es waren alle zufrieden, es sind alle, vom Bauern bis zum Sportler, von Kulturverein bis zum Kunstverein, alle waren mit dabei und haben Ideen mit eingebracht”. “Die Menschen spüren, dass wir nicht nur reden und Ideen sammeln, sondern dass wir auch die drei wichtigsten Buchstaben im Leben, nämlich T U N auch wirklich ernst nehmen, nämlich das tun.”05_astrid_meyer_bildungscampus_moosburg

Am Beispiel Moosburg zeigt sich, wie Schule heute betrachtet werden muss. Als Netzwerk von Lernorten, die energetisch miteinander verbunden sind, heißt es in der Begründung zum “Award bessere Lernwelten”, den das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Literatur heuer ins Leben gerufen hat.

Neben anderen vorbildlichen Lösungen, bei denen Schulentwicklung und räumliche Gestaltung Hand in Hand gehen, wurde das Kärntner Bildungscampus mit einem Anerkennungspreis bedacht.

Auch den “Impuls 2013”, den mit 10,000 Euro dotierten Innovationspreis des österreichischen Gemeindebundes, konnte die Bildungsgemeinde Moosburg mit nach Hause nehmen.

“Bildung ist für alle wichtig, aber speziell für Moosburg, oder überhaupt für ländliche Räume, ist es auch eine wesentliche Standortfrage. Wenn wir eine gute Kinderbetreuung haben,  das beginnt von 0 – 14 Jahren, dann werden die Menschen sagen, viele, vielleicht alleinerziehende Frauen, alleinerziehende Männer, Paare und so weiter:  "Hier möchte ich mich niederlassen, hier möchte ich bleiben, weil da habe ich Zukunftschancen für mein Kind, aber auch für mich selbst, weil ich mein Kind im Laufe des Tages gut betreut weiß, und deshalb kann ich meinem Beruf oder was auch immer nachgehen”. “Gut ausgebildete Menschen dürfen wir nicht verlieren, weil sonst werden wir mit der Abwanderung riesengroße Probleme haben, wir werden in der Zukunft im ländlichem Raum untergehen.” Sagt Bürgermeister Herbert Gaggl.